Neue Musicalien-Kammer

Öffnungszeiten

Montag geschlossen
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
Führungen für Gruppen sind nach Absprachen auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich.

Eintrittspreise

Schlosskarte (alle Museen) 6 Euro
Schlosskarte ermäßigt 4 Euro
Schlosskarte Gruppe, je Person 4 Euro

Kontakt

Christoph Erdmann
Tel: 03496 700 99 274
Email: historisches-museum@schlosskoethen.de

Blick in die Neue Musicalien-Kammer

Im Schloss Köthen wurde im Mai 2021 die „Neue Musicalien-Kammer im Schloss Köthen – Historische Tasteninstrumente der Sammlung Ott“ eröffnet. Die Neue Musicalien-Kammer befindet sich in zwei benachbarten Räumen des Spiegelsaals im Schloss Köthen, den so genannten Cour-Zimmern. Für die Ausstellung hat Georg Ott, Restaurator und Sammler historischer Tasteninstrumente, aus dem Bestand seiner umfangreichen Sammlung zehn Tasteninstrumente als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Ein Teil der Instrumente kann für Konzerte im benachbarten Spiegelsaal genutzt werden, zudem sind intime Konzerterlebnisse in den Ausstellungsräumen selbst in Planung.

Die Sammlung historischer Tasteninstrumente in der Neuen Musicalien-Kammer wird vom Restaurator Georg Ott seit der Jahrtausendwende aufgebaut, ist in zwei Jahrzehnten stetig gewachsen und richtet ihr Augenmerk im Laufe der Sammlungstätigkeit auf frühe Fortepiano-Instrumente. Der gebürtige Hallenser arbeitet nach seinem Studium der Musikinstrumenten-Restaurierung als Restaurator für historische Tasteninstrumente am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Sämtliche Instrumente in der Neuen Musicalien-Kammer wurden von Georg Ott aufwändig restauriert und wieder spielbar gemacht. Motivation und Antrieb war und ist ihm dabei vor allem die Neugier auf die Vielfalt unterschiedlicher Klang-Konzepte und Klang-Gestaltungen der Instrumente. Einige der ausgestellten Instrumente stellen die vielfältigen Entwicklungen der Frühzeit des Fortepianos dar.

Die Ausstellung nimmt Bezug auf die historische Hochfürstliche Musicalien-Kammer, die bereits unter Fürst Leopold von Anhalt-Köthen (1694-1728) im Schloss existierte. Inventarregister jener Zeit belegen rund 50 Instrumente im Besitz des Fürstenhauses. Sie befanden sich einst in der fürstlichen Wohnung, im Torhaus und bei den Musikern der Hofkapelle.

 

Blick in die Neue Musicalien-Kammer

Die Entwicklung des Fortepianos begann gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz mit Bartolomeo Cristofori (1655-1731), der seit 1688 als Instrumentenbauer am Hof der Medici in Florenz wirkte. 1700 gilt als Geburtsjahr des Hammerflügels, ein datiertes Inventar der Florentiner Instrumentensammlung beschreibt ein „Arpicembalo di Bartolomeo Cristofori, di nuova inventione, che fa il piano e il forte“. Damit wurde die Bezeichnung „piano...forte“ eingeführt, die bis heute gebräuchlich ist und die Charakteristik des neu erfundenen Klaviers benennt: Es kann leise und laut spielen. Zuvor waren überwiegend Tasteninstrumente in Gebrauch, die keine dynamische Nuancierung des Anschlages erlaubten: Orgeln und Cembali.

Der sächsische Orgelbauer Gottfried Silbermann (1683-1753) modifizierte die Cristofori-Mechanik in seinen Hammerflügeln, die auch von Johann Sebastian Bach gespielt worden sind. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts explodierte die Klavierbau-Entwicklung. Es bildeten sich verschiedene Modelle und Mechanik-Formen. Dynamik kam erneut um 1800 in die Klavierentwicklung, als sich das Augenmerk auf die Zuverlässigkeit und die Lautstärke der Instrumente richtete. Die erwachende bürgerliche Musikkultur verlangte nach großen Mengen an Klavieren.

Instrument aus der Neuen Musicalien-Kammer

Prozessionsorgel

Herstellungsland/Ort           Italien, Modena

Herstellungsjahr                   Ende 17. Jahrhundert

Die Prozessionsorgel ist durch ihre historischen Tragestangen-Aufnahmen in besonderer Weise für variable Aufstellungen beispielsweise bei Prozessionen vorgesehen. Wie bei historischen, italienischen Klein-Orgeln üblich, ist das Pedal über Bänder mit den Tastenhebeln verbunden. Bei der Restaurierung konnten alle Originalteile sowie der historische Parallelbalk wiederhergestellt werden, lediglich ein zwischenzeitlich ersetztes Register (Voce Umana) wurde aus historischen Pfeifen rekonstruiert.

Tangentenflügel

Herstellungsland/Ort           wohl Süditalien

Herstellungsjahr                   Anfang 18. Jahrhundert

Die Qualität und die Präzision der Konstruktion des Tangentenflügels sowie dessen reiche Ausstattung mit versilberten Rahmen und Leisten könnten auf eine aristokratische Bestimmung des Flügels schließen lassen. Es gibt in jüngster Zeit vermehrt Hinweise darauf, dass in Süditalien eine ganz eigene Form der Tangentenmechanik gebräuchlich war, noch bevor die deutsche Variante von den Instrumentenbauern Spath und Schmahl erfunden wurde. Dieser jüngste Instrumentenfund bestätigt diese Hypothese und gibt Anlass, die bisherigen Evolutionslinien des frühen Hammerklaviers zu ergänzen. Bei der aufwändigen Restaurierung für die Präsentation in der Neuen Musicalien-Kammer wurden Teile des Resonanzbodens rekonstruiert.

Pantaleon-Clavecin

Herstellungsland/Ort           Süddeutschland/Regensburg

Herstellungsjahr                   um 1765

Instrumentenbauer              Franz Jacob Spath

Der Orgel- und Klavierbauer Franz Jacob Spath (1714-1786) aus Regensburg ist als einer der frühesten Erfinder des Hammerklaviers in Deutschland maßgeblich an dessen Verbreitung beteiligt gewesen. Bis vor kurzem waren seine Instrumente nur aus historischen Beschreibungen bekannt, erst mit dem Pantaleon-Clavecin erhält die Musikwelt eine Vorstellung vom Klang und der Funktion dieser Instrumente, die Wolfgang Amadeus Mozart 1777 als die ihm bis dahin Liebsten beschrieben hat. Wie bei dem Sulzbacher Tangentenflügel hatte jahrzehntelange Feuchtigkeitseinwirkung viele Holzteile deformiert und den Knochenleim aufgelöst, das Instrument musste bei der Restaurierung völlig neu aufgebaut werden.

Querhammerflügel

Herstellungsland/Ort           Mitteldeutschland

Herstellungsjahr                   um 1775

Der Hammerflügel in Spinett-Form ist aufwendig ausgestattet, unter anderem mit einer strahlenförmigen Rahmen-Abdeckung der Saiten, die mit grüner Seide bespannt ist. Die hübsche Marketerie am Vorsatzbrett weist Gestaltungselemente mit Zier-Vignette auf, die exakt mit dem Schwester-Instrument im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom berühmten Ansbach/Bayreuther Instrumentenbauer Chrsitian Gottlob Hubert (1714-1793) übereinstimmen. Die Dämpfungsaufhebung wird mit Handzug bedient, der Harfenzug über Kniehebel. Bei der Restaurierung des Hammerflügels wurde auch das Gestell rekonstruiert. Im Inneren des Instruments wurde eine historische Landkarte von Thüringen gefunden, das könnte auf die Herkunft des Flügels hinweisen.

Tafelklavier, historischer Umbau aus einem Clavichord

Herstellungsland/Ort           Deutschland

Herstellungsjahr                   18. Jahrhundert

Umbauten aus älteren Tasten-Instrumenten wie bei diesem Tafelklavier sind typisch für die Frühzeit der Klavier-Entwicklung. Offenbar war das Interesse der damaligen Musiker deutlich größer als das Angebot an Instrumenten. Das Tafelklavier war bei seinem Fund in einem ruinösen Zustand und wurde von Georg Ott aufwendig restauriert und wieder spielbar gemacht.

Clavecin Roïal

Herstellungsland/Ort           Mitteldeutschland

Herstellungsjahr                   um 1785

Das Clavecin Roïal ist eines jener legendären frühen Tafelklaviere, welche durch die Gebrüder Johann Gottlob Wagner & Salomon Wagner, beide Orgelbauer in Dresden, bekannt wurden, ihre Wurzeln jedoch mutmaßlich im Umfeld von Gottfried Silbermann (1683-1753, Orgelbauer) haben. Die Klang -und Spieleigenschaften des Clavecin Roïal sind aufgrund der sehr exakten und aufwendigen Bauweise einzigartig. Markant sind die bei diesen Instrumenten üblichen Seiden-bespannten Abdeckungen des Instrumenteninneren. Mit Handzug lässt sich die Dämpfungsaufhebung bedienen, der Harfenzug mit Kniehebel. Den Name Clavecin Roïal haben die Gebrüder Wagner mutmaßlich zur besseren Vermarktung der Instrumente gewählt.

Tangentenflügel

Herstellungsland/Ort           Süddeutschland/Regensburg

Herstellungsjahr                   1790

Instrumentenbauer              Christoph Friedrich Schmahl aus der Regensburger Werkstatt Spath & Schmahl

Der Tangentenflügel wurde 1790 in der Werkstatt Spath & Schmahl in Regensburg mit erhaltenem Kaufbeleg vom Sulzbacher Verleger Elias Seidel anlässlich seiner Hochzeit erworben. Der Instrumentenfund Mitte der 2000er Jahre auf dem Dachboden des ehemaligen Verlagshauses war in der Fachwelt eine Sensation. Jahrzehntelange Feuchtigkeitseinwirkung hatte am Tangentenflügel viele Holzteile deformiert und den Knochenleim aufgelöst, so dass das Instrument bei seiner Restaurierung neu aufgebaut werden musste. Der Tangentenflügel ist eine frühe Sonderform des Fortepianos bei dem Holzstäbchen (Tangenten) gegen die Saiten geschlagen werden, der daraus resultierende Klang ist obertonreich ähnlich einem Cembalo und kann mittels Kniehebeln und Handzügen modelliert werden. Die Klangveränderungen sind über Kniehebel: Una Corda, Forte (Dämpfungsaufhebung) und über Handzug: Harfe, Laute, Moderator und Dämpfungsaufhebung im Diskant.

Hammerflügel

Herstellungsland/Ort           Süddeutschland/Erlangen

Herstellungsjahr                   1783

Instrumentenbauer              Johann David Schiedmayer

1812 wurde der Hammerflügel in Ernst Ludwig Gerbers Komponisten-Lexika als Meisterleistung des Klavierbaus gerühmt. Er wurde 1783 - laut Schiedmayers Werkstattbuch - an den Würzburger Domkapitular von Kerpen verkauft.

Kleiner Hammerflügel

Herstellungsland/Ort           Deutschland/Mainz

Herstellungsjahr                   1794

Instrumentenbauer              Johan Lorentz Kleiner 

Ein nur endoskopisch zugänglicher eingeklebter Zettel beschreibt den Bau des Instruments in Mainz während der Belagerung 1793. Preußische Truppen belagerten und bombardierten die von Franzosen besetzte Stadt zwischen April und Juli jenes Jahres. Qualität und Gestaltung des Flügels sind auf höchstem Niveau, umso mehr überrascht es, dass die Instrumentenbauer-Familie Kleiner bisher nicht im Klavierbau bekannt ist.

Wiener Hammerflügel

Herstellungsland/Ort           unbekannt (Signatur verblichen)

Herstellungsjahr                   um 1815

Der prächtig ausgestattete Flügel ist - dem Geschmack der Zeit entsprechend - mit zahlreichen Effekten zur Klang-Veränderung ausgestattet. Sieben Pedale steuern Funktionen wie beispielsweise den Harfen-Zug (eine Fransen-Borte senkt sich über die Saiten), Moderator, Fagottzug (ein durch Andrücken einer Pergament-Rolle schnarrender Effekt) und einem Janitscharen-Zug (Klang von Rasseln, Glöckchen und Pauke).  Bei entsprechendem Geldbeutel der Kundschaft wurden derartige Flügel gerne mit Schmuck-Elementen ausgestattet. Bei diesem Instrument hat der Verleger aus Sulzbach das große Programm beim Instrumentenbauer bestellt: vergoldete Karyatiden und Schnitzereien sowie ringsum vergoldete Messing-Applikationen.

Hammerflügel

Herstellungsland/Ort           Österreich/Ungarn

Herstellungsjahr                   um 1810

Instrumentenbauer              Johann Peter Fritz

Johann Peter Fritz (gest. 1834) gehörte zur Elite der Wiener Klavierbauer. Das von ihm im Jahre 1806 gegründete Unternehmen hat über ein Jahrhundert bestanden. Fritz war wohl durch Börsen-Spekulation zu Vermögen gekommen und hatte damit in Wien eine der bis heute namhaftesten Klavier-Werkstätten aufgebaut. Seine Klaviere waren berühmt für die Eleganz ihrer Klangfarben, die schönen Proportionen und die handwerkliche Sorgfalt in der Ausführung des Möbels.  Das fehlende Gestell des Flügels wurde bei der Restaurierung ergänzt.

Broadwood-Flügel

Herstellungsland/Ort           England/ London

Herstellungsjahr                   um 1820

Instrumentenbauer              John Broadwood & Sons

Der prächtig ausgestatte Flügel entspricht der Bauart des Beethoven-Broadwoods (heute im Nationalmuseum Budapest). Der Komponist Ludwig von Beethoven (1770-1827) erhielt seinen Flügel 1816 von den englischen Tonkünstlern als Geschenk. Der „englische Flügel“ war fortan das Zentrum von Beethovens häuslichen musikalischen Begegnungen. John Broadwood & Sons Flügel gehörten seinerzeit zu den teuersten am Markt. Die Klavierbauer setzten früh arbeitsteilige Produktionsverfahren ein und lieferten ihre Instrumente weltweit.

 

Film zur Eröffnung der Neuen Musikalien-Kammer

Die Pianistin Sylvia Ackermann und der Sammler und Restaurator Georg Ott erklären im Gespräch mit Christine Friedrich die Instrumente der Neuen Musikalien-Kammer und geben Klangbeispiele.